Gedenkstätten der NS-Verbrechen in Hamburg
Zwei Veranstaltungen im Mai 2026 im Kulturhaus Eidelstedt, Hamburg Was bleibt, wenn die letzten Zeitzeugen gegangen sind? Was sagt ein leerer Raum, den man noch heute betreten kann — ein Raum, in dem industrieller Mord stattfand? Maria Zarada hat die Antwort nicht in Worten gesucht. Sie hat gewartet. Gewartet, bis die letzten Besuchergruppen das Gelände verlassen haben, kurz vor der Schließung, wenn die Stille zurückkehrt. Dann hat sie fotografiert. Über 56 Gedenkstätten der NS-Verbrechen in Deutschland und Europa haben Maria Zarada und Nils Oskamp gemeinsam dokumentiert. Darunter acht Gedenkstätten mit erhaltenen Gaskammern. Im Mai 2026 kommt diese Ausstellung nach Hamburg.Veranstaltungen im Mai 2026 — Kulturhaus Eidelstedt, Hamburg
Ort: Kulturhaus Eidelstedt Adresse: Alte Elbgaustraße 12, 22523 Hamburg Anfahrt: S-Bahn S3 / S21 — Haltestelle Elbgaustraße (wenige Gehminuten)3. Mai 2026, 19:30 Uhr — Ausstellungseröffnung
Gedenkstätten der NS-Verbrechen Fotografien von Maria Zarada | Texte von Nils Oskamp Anlässlich des Eimsbüttler Monats des Gedenkens — zum Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Neuengamme.15. Mai 2026 — Führung und Lesung
Führung durch die Ausstellung mit Nils Oskamp — gefolgt von einer Lesung aus der Graphic Novel „Drei Steine“. Der Abend verbindet zwei Formen des Gedenkens: die dokumentarische Außenperspektive auf 56 Gedenkstätten der NS-Verbrechen — und die autobiografische Innenperspektive eines Überlebenden rechter Gewalt der 1980er Jahre.Mehr Informationen
Ort: Kulturhaus Eidelstedt Adresse: Alte Elbgaustraße 12, 22523 Hamburg Anfahrt: S-Bahn S3 / S21 — Haltestelle Elbgaustraße Web: kulturhaus-eidelstedt.de Ausstellung und Begleitmaterial: dreisteine.com/memorial Graphic Novel „Drei Steine“: dreisteine.com Kontakt: nils@dreisteine.com Im Rahmen des Eimsbüttler Monats des Gedenkens — zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers NeuengammeEine künstlerische Entscheidung: Keine Gesichter, nur Räume
Die Ausstellung zeigt keine Porträts von Überlebenden. Diese Entscheidung war bewusst und künstlerisch konsequent. Es gibt bereits genug Projekte, die Holocaust-Überlebende in übergroßen Fotografien zeigen. Maria Zaradas Haltung ist eine andere: Die Gebäude, Objekte und leeren Räume sollen selbst sprechen — im Zusammenspiel mit den Legendentexten und Übersichtstafeln.
Die Abwesenheit der Menschen im Bild ist die stärkste Präsenz, die möglich ist. Wer durch eine Gaskammer geht, die heute leer ist, spürt die Abwesenheit nicht als Leerstelle — sondern als Gewicht.
Nils Oskamp hat die Texte für die Ausstellung auf Grundlage von drei Monaten intensiver Holocaust-Studien geschrieben, mit historischer Beratung durch Gerald Hartwig, Historiker in Bergen-Belsen. Manchmal hat ihm das Schreiben die Sprache verschlagen. Die Antwort war nicht das gesprochene Wort — es war das geschriebene.
Die Stimmen, die bleiben
Die Ära der Zeitzeugen geht zu Ende. Das wissen wir seit Jahren. Was bleibt, sind ihre Bücher, ihre Berichte — und Zitate wie diese:
„Ihr seid nicht verantwortlich für das, was passiert ist. Aber ihr seid verantwortlich dafür, dass es nicht wieder passiert.“
— Max Mannheimer, Überlebender von Auschwitz und Dachau
„Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass. Das Gegenteil von Liebe ist Gleichgültigkeit.“
— Elie Wiesel, Überlebender und Nobelpreisträger
Der erste Satz ist ein Auftrag. Der zweite ist eine Warnung.
Die Täter lebten unter uns
Gedenkstätten erzählen von Opfern. Aber die Täter lebten unter uns — buchstäblich. In Nils Oskamps Nachbarschaft in Hamburg wohnte der Sekretär von Rudolf Höß, dem Lagerkommandanten von Auschwitz. Nicht in einer fernen Stadt, nicht in der Vergangenheit verborgen — nebenan.
Marias Großeltern wurden im Holocaust ermordet. Mütterlicherseits im Zigeunerlager in Auschwitz. Väterlicherseits bei einem Luftwaffenangriff in Kroatien. Wenn sie heute eine Gaskammer fotografiert, ist das nicht nur ein dokumentarischer Akt. Es ist ein Besuch.
Beim letzten Besuch in Buchenwald durften Nils und Maria noch Holocaust-Überlebende kennenlernen — Menschen, die ihnen die moralische Fackel des Gedenkens weitergegeben haben: Tragt unser Lebenswerk weiter.
Alt-Nazis und junge Neonazis — wo sich beide Geschichten berühren
Am 28. Mai verbinden sich zwei Geschichten im Kulturhaus Eidelstedt.
Die eine: 56 Gedenkstätten in Europa. Die industrielle Vernichtung durch den NS-Staat. Gaskammern, Lagerkomplexe, Massengräber — dokumentiert durch Maria Zaradas Kamera.
Die andere: Hamburg, 1985. Nils Oskamp ist 15 Jahre alt und überlebt zwei Mordanschläge durch Neonazis — mit dabei SS-Sigi, Siegfried Borchardt, einer der bekanntesten Neonazis Deutschlands.
Die Graphic Novel „Drei Steine“ ist die einzige autobiografische Opfergeschichte rechter Gewalt als Comic — erschienen 2016 bei Panini Comics und der Amadeu Antonio Stiftung. Mehr als 200.000 Jugendliche hat Nils Oskamp seitdem mit Lesungen und Workshops erreicht.
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, dass die Empörung größer ist als die Angst.
Warum das alles heute wichtiger ist als je
Die Geschichte wiederholt sich nicht — aber sie reimt sich. Rechtsradikale Regierungen. Deportationen ohne klares Rechtsverfahren. Behörden, die mit Methoden operieren, die an dunklere Zeiten erinnern.
Kunst, die eine Aussage macht — Fotografie, die in eine leere Gaskammer schaut, eine Graphic Novel, die zwei Mordanschläge zeichnet — ist keine Deko. Sie ist Widerstand. Mit Bleistift und Kamera.
Wer wegschaut, wird gleichgültig. Und Gleichgültigkeit, das hat Elie Wiesel uns hinterlassen, ist das Gegenteil von Liebe.

